09.07.2012

Die Krise in Europa. Über Abgründe


Bereits in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts fasste der holländische Anthroposoph Willem Zeylmans van Emmichoven die schwierige Frage ins Auge: Wie ist mit den Verschiedenheiten der europäischen Völker umzugehen? Er nahm sich damals vor, eine Psychologie der Völker zu entwickeln und wollte dafür in Den Haag ein Institut gründen. Damit scheiterte er allerdings; er fand zu wenig Leute, die sein Anliegen verstanden.

Zeylmans van Emmichoven wollte in der Gesellschaft ein Gespür dafür wecken, dass die Verschiedenheiten zwischen den europäischen Völkern nicht nur durch die jeweiligen geschichtlichen Eigenheiten und Ereignisse verständlich sind, sondern vor allem auf jeweils berechtigten Perspektiven und Lebenshaltungen beruhen. Sein Freund Herbert Hahn beschrieb übrigens in seinem Buch „Vom Genius Europas“ – ein Klassiker der anthroposophischen Literatur – mit viel Humor die Verhaltensweisen von zwölf der europäischen Völker.

Nun, im Moment sieht es mit dem Verständnis für die Verschiedenheit in Europa leider nicht gut aus. Die Griechen nennt man „faul“, die Spanier „leichtsinnig“, die Italiener „unzuverlässig“, die Franzosen „stolz“, die Deutschen „engstirnig“, die Holländer „kaufmännisch“ - was „geizig“ bedeutet - die Ungarn „gedankenlos“ - womit „dumm“, gemeint ist - und die Belgier „verpennt“. Nur die Schweden, die Norweger und die Finnen scheinen offiziell keine Schatten zu haben, na ja, ein bisschen selbstherrlich und in sich selbst versunken sind sie wohl schon...

Man könnte an dieser Stelle natürlich sagen, dass sich die europäischen Schatten eklatant voneinander unterscheiden. Jedoch sind alle gegenseitigen Vorurteile auf eine bestimmte Frage zurückzuführen, die vor allem in Ländern wie Deutschland, Finnland und den Niederlanden gestellt wird, nämlich: Wie tüchtig wird in den jeweiligen Ländern gespart? Der Umgang mit Geld ist in der Debatte der springende Punkt geworden.

Die Bedeutung des Geldes zu relativieren, ist vergebens. In der politischen Debatte liegt ein Tabu auf der „Anthropologisierung“ der Frage des Geldes, es beruht auf der Tatsache, dass weltweit die Globalisierung als eine rein wirtschaftliche Angelegenheit quasi ohne menschliche Vorlieben, Gepflogenheiten oder Schwächen verstanden wird. Wirtschaft müsste-sollte-dürfte mit den Eigenheiten der Völker nichts zu tun haben, es gibt nur eine Art und Weise wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Die Volkswirtschaften, die relativ viel Geld verdienen, meinen in der Debatte automatisch Recht zu haben.

Mit der Biographie von Europa wird es natürlich irgendwie weiter gehen, allerdings erst dann, wenn die Abgründe in der aktuellen Krise erst recht sichtbar geworden sind. Die Bemühungen Merkels und Schäubles zielen darauf hin, die Fahrt in den Abgrund zu verhindern, was nicht gelingen wird. Uns stehen noch spannende Zeiten bevor, und die Entscheidungen werden nicht in Brüssel, Paris und Berlin, sondern in den Leben der einzelnen europäischen Bürger getroffen. Sogar die Hoffnung, dass die Krise den Einzelnen nicht erreichen wird, ist abgründig.

Kommentare:

Ruthild Soltau hat gesagt…

Lieber Jelle, ich glaube auch, dass die Abgründe noch krasser sichtbar werden müssen: Dass die Wirtschaft die Politik und die Politik das Geistesleben unterdrückt, knechtet.Ich habe in einem Gespräch erfahren, dass durch das Europaparlament ein Gesetz erlassen wurde, das den Verkauf von handgemolkener Milch verbietet. In Osteuropa , wo es noch viele Kleinbauern gab, ist vielen Menschen dadurch die Existenzmöglichkeit entzogen worden. Woher nimmt das Parlament das RECHT, so ein Gesetz zu erlassen? ....Nur ein Beispiel.

herzlich Ruthild

Anonym hat gesagt…

Sie nehmen das Geistesleben immer mehr in den Würgegriff. Der kalte Krieg gegen die Freiheit beginnt schon im Kindergarten. Immer mehr Uniformierung im Schul- und Hochschulwesen. Die Wissenschaft hängt am Tropf des großen Geldes. Eine bestimmte Intelligenz - die des Herzens und der Freiheit, das gehört zusammen - wird ausradiert. Eine andere Intelligenz - nennen wir sie Maschinendenken - wird gezüchtet. Luzifer spielt die Begleitmusik, indem er das spirituelle Denken auf ein Gleis schiebt, wo alle schreien: Ende des Individualismus! Es gibt kein Ich! Alles ist easy, weil es so ist, wie es ist!
Die Entwicklung war vorherzusehen. Aber man hatte ja alle Hände voll damit zu tun, die, die das Unheil kommen sahen, als lächerliche Sozialromantiker und politisch korrekte Tugenterroristen zu beschimpfen.
Ich weiß nur noch zwei Lösungsansätze: 1) Die Intelligenz, die ausradiert werden soll, an tausend Orten außerhalb des akademischen Betriebs pflegen, kompromisslos, im Vertrauen darauf, dass einst aufblühen wird, was wir jetzt säen. 2) Sich jeden Abend fragen, ob man an dem ausklingenden Tag achtungsvoll mit seinen Mitmenschen umgegangen ist. Beim zweiten Punkt zeigt sich, wie sehr man selbst schon in der Maschine mitstrampelt.
Wir sind schwach wie nie. Aber vielleicht liegt darin gerade unsere Stärke.

Kaktus

mundanomaniac hat gesagt…

" dass einst aufblühen wird, was wir jetzt sähen"

... so einen heiligen Satz habe ich schon lange nicht mehr gelesen, und wer will uns daran hindern? Eigentlich ganz einfach und doch so unmodern fromm.

Kaktus, Deinesgleichen und unseresgleichen:Mehr davon!

Mundanomaniac