02.07.2012

Lebensbuchführung. Über die Schönheit von Texten

Texte sind sonderbare Erscheinungen. Es ist noch nicht so lange her, dass sie erfunden wurden, die ältesten Texte sind etwa sechstausend Jahre alt. Die Sumerer haben damals in Uruk damit begonnen, die bereits mündlich existierenden Bezeichnungen (die „Namen“) von Gegenständen und Wesen mit grafischen Symbolen zu verbinden, und so wurde es möglich, eine Art Buchführung des Lebens zu handhaben. Dieser Akt des Verbindens wurde in den Tempeln gelehrt – was wir heute „schreiben“ nennen, war damals eine heilige Angelegenheit.

Die Heiligkeit des Schreibens beruht auf der Tatsache, dass Texte gerade unheilig sind. In Texten wird die göttliche oder geistige oder seelische Ordnung der Dinge auf eine Ebene gebracht, wo sie als göttliche oder geistige oder seelische Wirkung nicht überleben kann. Texte verzerren per definitionem, um in einem Text etwas Spezifisches hervorzuheben, muss ganz viel missachtet, die Fülle des Lebens verstellt werden.

Große Dichter und Schriftsteller – die Meister der Texte – wussten das auch. Beispielsweise Rainer Maria Rilke, Virginia Woolf und Dylan Thomas waren sich bewusst, dass ihre Texte prinzipiell daneben waren. Mit dem Akt des Schreibens geht – auch wenn man es nicht fühlen will – eine Scham einher. Die Schulung in den alten Tempeln war deswegen eine moralische, und das Ziel: lernen sich der Scham zu stellen. In modernen Zeiten haben sensitive Intellektualität (Rilke, Woolf) oder Alkohol (Thomas) oder einfach Ignoranz diese Aufgabe übernommen.

Texte sind paradoxe Erscheinungen. Der amerikanische Schriftsteller und Nobelpreisträger Saul Bellow erzählte mir vor Jahren, dass er nach der Veröffentlichung eines neuen Romans immer in eine Krise gelangte. Das frisch gedruckte Buch spiegelte ihm gerade das, was er nicht geschafft hatte. Was literarisch geleistet wird, so meinte er, tut im Nachhinein immer weh, und gerade darin liegt die Wirkung der Schönheit.

Um etwas zu sagen, muss man schweigen, was nicht heißt, dass man schweigen sollte – ohne Aussagen gibt es kein Schweigen. Texte die alles sagen wollen, sind keine Texte, sie sagen nichts. Worte bedeuten immer mehr, man könnte auch sagen: immer weniger, als in einer konkreten Aussage bemerkbar ist. Wenn ich „ja“ sage, evoziere ich gewollt oder ungewollt die Möglichkeit „nein“ zu sagen.

Kommentare:

mundanomaniac hat gesagt…

Jelle,schöne Betrachtung

dazu, in meinem Reich,
vor mich hin gemurmelt:

Texte sind Erscheinungen
des Paradoxen
jede Aussage setzt ihr Gegenteil
heiß setzt kalt, hell setzt dunkel,
wild setzt sanft ...

wenn wir für heilig "ewig" setzen und "zugleich endlich"
können wir statt heilig
"paradox" setzen und physis "und zugleich" psyche

Mundanomaniac im poetischen
Überblick über die Wörterseen

mundanomaniac hat gesagt…

Lieber Jelle,

"die „Namen“) von Gegenständen und Wesen mit grafischen Symbolen zu verbinden, und so wurde es möglich, eine Art Buchführung des Lebens zu handhaben. Dieser Akt des Verbindens wurde in den Tempeln gelehrt – was wir heute „schreiben“ nennen, war damals eine heilige Angelegenheit."

Jelle,

Du kennst ja, vielleicht ein bisschen, meinen Blog...
Motto:

Und Gott sprach: es werden Lichter an der Feste des Himmels, die da scheiden Tag und Nacht und geben Zeichen, Zeiten, Tage und Jahre. 1. Gen. 14

http://mundanestagebuch.blogspot.de/2012/07/2.html

Irgend eine Woche, wie ich sie zu beschreiben versuche - als Sortierhilfe der himmlischen für die Irdischen für die Ewigkeit
in den irdischen Angelegenheiten -
so, wie ich es versuche, wöchentlich,

gehört das für Dich zu diesem heiligen Schreiben? Oder als was siehst Du das?

fragt der nicht allzu heilige Mundanomaniac

Sati hat gesagt…

"Die Schulung in den alten Tempeln war deswegen eine moralische, und das Ziel: lernen sich der Scham zu stellen."

Danke dafür! Ja - manchmal beschämt es mich - das zu "berichten", was ich so wahrnehme. Und ich halte mich, noch, allzu oft zurück - aus angelernter Scham.
Zwei fundamentale Geisseln - Scham und Schuld.
Zweimal kompletter Unsinn.
Dennoch - braucht es Zeit, sich weiter davon frei zu machen. Braucht es?
Sati

Jelle van der Meulen hat gesagt…

Liebe Mundanomaniac, ich melde mich noch... Herzlich, Jelle

manroe hat gesagt…

Wenn wir einen Text lesen, schauen wir vielleicht zu wenig auf den, der ihn schreibt, auf die formulierende Instanz, die Bilder in Texte wandelt. Ein jeder Text müsste zurückverwandelt werden so, dass man ihn wieder sehen kann in seinem Urzustand. Denn in der Wirklichkeit gibt es ja gar keine Texte!

Jostein Sæther hat gesagt…

Lieber Jelle van der Meulen,
ich lese manchmal auf ihren Blog und trinke aus Ihrem frischen, heilsamen Text-Quellen. Jetzt wollte ich Sie nur darauf aufmerksam machen, dass ich für einen Text auf meinem Blog, die Inspiration bei Ihnen fand. Zuerst schrieb ich ihn in meiner Muttersprache Norwegisch, aber er wird auch ins Deutsche und Englische bald gebracht. Ich hoffe, dass ich einige urbildliche Sätze von Ihnen so übersetzen und zitieren darf:
http://gamamila.blogspot.de/2012/10/pa-vei-mot-ukjent-graffiti.html
Herzlich
Jostein Sæther