16.01.2013

Rathenauplatz. "Weil mein Körper Bewegung braucht..."


Mit einem Regenschirm, einem Rucksack (an der Seite eine Flasche Wasser) und manchmal einem Apfel in der Hand geht er mit großen und langsamen Schritten durch den Park am Kölner Rathenauplatz, immer die gleiche Strecke, hundert Meter hin, hundert Meter zurück, jeden Tag, stundenlang, egal wie sich das Wetter gebärdet... Er dürfte etwa sechzig Jahre alt sein, sieht aus wie ein Iraner, distinguiert und fein, bestimmt ist er kein grober Handwerker, alles an ihm wirkt zart. Sein Blick geht nach innen, er schaut auf nichts um ihn herum, auch nicht auf mich, scheint in einer Wirklichkeit zu verweilen, die mit dem Park nichts zu tun hat. Etwas Großes, Tiefes und vielleicht Schweres entschleunigt seinen Gang. Als ich ihn vielleicht dreißig Mal im Park gesehen habe, halte ich es nicht mehr aus, ich will von seinem Geheimnis erfahren. Ich gehe auf ihn zu, frage warum er jeden Tag hundert Meter hin und hundert Meter zurück geht, er blickt mich an, lacht freundlich und sagt: „Weil mein Körper Bewegung braucht...“ Und das war es, mir ist klar: Ich soll nicht weiter fragen. Als ich ihn am nächsten Tag wieder sehe, wendet er seinen Blick ab, er will nicht angesprochen werden.

Kommentare:

Bernhard Albrecht hat gesagt…

"Weil mein Körper Bewegung braucht," eine tiefe, weitreichende Antwort, "weiter" in ihrem Aussagegehalt vielleicht als der sie Aussprechende im Moment des Aussprechens möglicherweise diesen selber versteht.
Er will nicht angesprochen werden. Taktgefühl verbietet es weiter in diesen Menschen zu dringen. Die Antwort scheint in sich geschlossen zu sein.
Mich bewegt:
Was klingt durch die Obertöne dieseer Aussage hindurch. Wieviel innere Bewegung schenke ich einem anderen Menschen den Gehalt seiner Rede damit in mir deutlich zu vertiefen? Wie oft beende ich mein Verstehen, bevor es in mir überhaupt die Gelegenheit bekommen hat tiefer zu wachsen, in mir ein Erwachen befördern zu können? Wie oft hätte die Anrede eines anderen Menschen an mich etwas Grosses, etwas weiter Gespanntes an Verstehen aus mir heraus in Erscheinung bringen können, wenn ich zu mehr Lauschen innerlich bereit gewesen wäre?
Gehen wir nicht viel zu wenig in den Parklandschaften der Gedanken anderer Menschen spazieren, die uns durchaus auch auf eine "merkwürdige" Weise so dies oder das mitteilen wollen, wie oft lassen wir Stille zwischen den Worten zu?
Das Denken braucht die innere "Erfahrung" der Bewegung, es braucht die Wärme innerer Teilhabe an einer aufgenommenen Rede, es braucht das Gewahren eines Willens, der mich von Innen her anspricht!

Bernhard Albrecht

Anonym hat gesagt…

Begegnung darf auch zart sein. Eine Begegnung kann ganz leise sein. Manchmal auch erst Jahre später, fast vergessen taucht sie still auf und spricht Worte, die erst jetzt zu verstehen sind.
Jetzt ist immer.
Nie vorbei.

Für das Wahrnehmen darf man dankbar sein, für das leise aufmerksam machen, für das geheimnisvolle Offenbaren.
Darin liegt etwas ohne Worte.

Herzlich,
b.b.

Anonym hat gesagt…

Ich habe gerade einen Film gesehen «Touch the sound» und jemand erzählt das Improvisation ist alles was man ist bis an diesen Moment. Sind diese 3 Arten das Parkerlebnis zu beschreiben nicht eine schöne Improvisation ?
Josiane

Anonym hat gesagt…

Wenn du das Geheimnis des Anderen einfach erfragst, so kann es dabei zerdrückt werden, wie eine zarte Blüte.
Es zu sehen, kann schon Offenbarung genug sein.

Ein Fragender kann die falsche Frage gestellt haben und zu einem falschen Zeitpunkt.

Ich erinnere mich wieder an eine Szene aus einem Film von Tarkowski:
Ein Mann trägt eine brennende Kerze, durch eine Ruine, er trägt sie mit solch einem Ausdruck von Verzweiflung, Inbrunst und unerschütterlichen Willen, schützt sein Licht mit der Hand vor dem Erlöschen...
Tarkowski wollte nie eine Deutung, Erklärung, Interpretation seiner Filme.
Zufrüh kommen diese Deutungen oft.

Das Phänomen sprechen lassen, nicht schon das eigene Urteil.

Wann hat Parzival die richtige Frage gestellt: Was ist dir,Oheim?

Nicht :warum.
Das Warum fragt nach einer Rechtfertigung, da liegt schon ein Urteil in der Frage.

Herzlich, b.b.

Dunja hat gesagt…

Alles wirkliche Leben ist Begegnung.Martin Buber---viele liebe Grüße von Dunja

Anonym hat gesagt…
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